Eine fabelhafte Geschichte des Nervensystems

Eine erzählerische Einführung in Nervensystem, Schutzstrategien & Potenzialentfaltung

Es war einmal ein Mensch, vielleicht kennst du ihn ja.
Er lebte in einem inneren Haus, das er schon seit seiner Geburt bewohnte. Dieses Haus hatte drei Stockwerke.

Ganz oben, unter dem Dach, wohnte der Professor. Er war ruhig, klar, weise. Von dort aus konnte man die Welt überblicken. Der Professor konnte planen, fühlen, reflektieren, entscheiden – und er konnte Verbindungen knüpfen. Hier war das Zuhause von Vertrauen, Kreativität und lebendiger Verbundenheit.

In der Mitte des Hauses lebte die Katze. Sie war sensibel, fühlend, lebendig. Die Katze nahm jedes Flüstern wahr, jede Stimmung, jedes Detail im Raum. Sie konnte schnurren, sich freuen, spielen, aber sie konnte auch Angst spüren, Unsicherheit oder Einsamkeit. Die Katze war die Heimat unserer Bindung, unserer Sehnsucht nach Nähe und unserer Fähigkeit, uns sicher zu fühlen.

Und ganz unten, im Keller, lebte der Drachen, der uralte Wächter des Hauses. Er war stark, schnell und mächtig. Sein einziger Job war es, Leben zu schützen. Wenn Gefahr drohte, brüllte er, fauchte oder versteinerte – je nachdem, was er für richtig hielt. Er konnte kämpfen, fliehen oder einfrieren. Sein Motto war einfach: „Überleben geht vor.“

So funktionierte dieses Haus, und so funktionierte auch der Mensch.

Doch eines Tages passierte etwas, das dieses Haus erschütterte.
Vielleicht war es ein Verlust, ein Streit, Kälte, Überforderung oder Einsamkeit. Vielleicht war es etwas Großes – oder viele kleine Dinge über viele Jahre hinweg. Was es auch war: Die Katze erschrak, der Professor verlor für einen Moment den Überblick, und der Drache schoss wachsam nach oben.

Und so übernahm nicht selten der Drache die Kontrolle, auch später, lange nachdem die eigentliche Gefahr vorbei war. Er meinte es gut, er wollte nur schützen. Doch manchmal schützte er zu stark. Manchmal zu früh. Manchmal zu oft.

Dann schickte er seine Verbündeten – die Schutzwächter.
Sie rannten los, bevor der Professor sie überhaupt bemerkte. Sie sorgten dafür, dass man nicht mehr zu viel fühlt, nicht mehr so verletzlich ist. Manche lenkten ab, manche machten müde, manche machten aktiv, manche machten hart.
Sie waren keine Feinde – sie waren Überlebenskünstler.

Doch wenn die Firefighter zu lange das Haus regierten, wurde es still im Dachgeschoss. Manchmal konnte der Professor kaum noch durch seine Fenster schauen. Die Katze versteckte sich. Und der Mensch fragte sich:

„Warum reagiere ich so? Warum fühle ich mich so? Warum wird es nicht besser?“

Die Rückkehr in das eigene Haus

Eines Tages begegnete dieser Mensch einem anderen Menschen, der sagte:

„Du musst nicht gegen deine Reaktionen kämpfen.
Du musst nur verstehen, was in deinem Haus passiert.“

Und das war der Beginn einer neuen Reise.

Der Mensch lernte, wie der Drache reagiert, wenn er Überwältigung wittert.
Er lernte, die Sprache der Katze zu hören: zittern, frieren, angespannt sein, schneller Herzschlag, Sehnsucht nach Nähe.
Und er lernte, dass der Professor nicht schwach war, sondern manchmal einfach zu wenig Raum bekam.

Er begann, seinem Haus nach und nach wieder Sicherheit zu geben.

Er lernte, wie Atem und Körper Halt schenken können, wie Kontakt regulierend wirkt, wie Präsenz die Katze beruhigt und den Drachen besänftigt.
Er lernte, wie man sich selbst wieder findet – im Spiegel des Körpers, über die Stimme eines anderen, über die Erinnerung an die eigene Würde.

Er lernte, dass das Nervensystem ein Garten ist, der mit Freundlichkeit wächst.
Und dass die Antworten in ihm selbst lagen – noch bevor Worte kamen.

Er lernte – Stück für Stück – seine Wahrheit zu spüren und aus ihr heraus zu leben.

Und eines Tages geschah etwas Wundervolles:

Die Katze kam aus ihrem Versteck und schnurrte wieder.
Der Professor setzte sich zurück an seinen Platz, atmete tief ein und sah wieder klar.
Der Drache legte sich schlafen – er wusste, das Haus war sicher.

Und der Mensch merkte:
Ich bin nach Hause gekommen. In mir.

Was diese Geschichte bedeutet – für dich, für dein Leben

  • wie unser Nervensystem Schutz und Verbundenheit organisiert

  • wie die Polyvagale verzweigung sich zwischen Überlebensmodus, Aktivität und sozialer Ruhe bewegt

  • wie Überlebens-Strategien entstehen

  • wie Trauma oft als Überwältigung beginnt

  • wie Potenzial entfaltet wird, sobald Sicherheit entsteht

  • und wie sich echte Bindung wieder aufbauen kann – zuerst zu uns selbst

Jeder Mensch trägt dieses Haus in sich.
Und jeder Mensch kann lernen, darin wieder heimisch zu werden.

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Trauma als Spektrum