Selbstannahme ≠ Selbstoptimierung

Über psychische Gesundheit Regulation und die Grenzen des funktionierens

n einer Zeit, in der Selbstoptimierung oft als Schlüssel zu psychischer Gesundheit gilt, geraten andere Aspekte leicht aus dem Blick: innere Grenzen, biografische Prägungen und die Fähigkeit, sich selbst auch in schwierigen inneren Zuständen anzuerkennen.

Dabei geht es nicht um ein Entweder-oder. Selbstannahme und Selbstoptimierung sind keine Gegensätze, sondern unterschiedliche Weisen, mit sich selbst in Beziehung zu treten. Entscheidend ist nicht das Verhalten an sich, sondern welche Funktion es im eigenen Nervensystem erfüllt.

Wenn Selbstoptimierung stärkt und wann sie zur Vermeidung wird

Sport, Bewegung, Ernährung, Schlaf und Struktur sind wesentliche Grundlagen psychischer Gesundheit. Sie unterstützen Selbstregulation, fördern Stabilität und können gerade in belastenden Lebensphasen einen wichtigen Halt bieten.

Problematisch wird Selbstoptimierung nicht durch ihr Vorhandensein, sondern dann, wenn sie rigide, zwanghaft oder alternativlos wird. Wenn sie weniger der Selbstfürsorge dient als der unbewussten Vermeidung innerer Zustände, die schwer auszuhalten sind.

In diesem Fall wirkt Optimierung nicht entwicklungsfördernd, sondern regulierend im Sinne von: funktionieren, um nicht fühlen zu müssen.

Vermeidung ist kein Fehler sondern eine Schutzstrategie

Psychologisch betrachtet ist Vermeidung zunächst kein Defizit. Sie ist häufig eine frühe Anpassungsleistung, die in Situationen entstanden ist, in denen andere Formen der Regulation nicht verfügbar waren.

Aus solchen Erfahrungen entwickeln sich grundlegende Selbstüberzeugungen, zum Beispiel:

  • Ich muss stark sein.

  • Ich bin verantwortlich für die Gefühle anderer.

  • Ich darf keine Schwäche zeigen.

  • Ich bin nur wertvoll, wenn ich hilfreich bin.

Diese inneren Haltungen sind nicht „falsch“. Sie waren einmal sinnvoll.
Sie verlieren ihre Wirkung jedoch selten dadurch, dass wir leistungsfähiger werden oder uns weiter optimieren.

Selbstannahme bedeutet Integration, nicht Stillstand

Selbstannahme heißt nicht, alles gut zu finden oder Veränderung aufzugeben.
Sie bedeutet, sich selbst auch dort wahrzunehmen, wo alte Selbstbilder noch aktiv sind, oft unbewusst.

Dazu gehört:

  • anzuerkennen, dass es Lebensphasen gab, in denen Scham, Minderwertigkeit, Angst oder Mutlosigkeit prägend waren

  • zu verstehen, dass diese inneren Anteile noch immer Einfluss haben können

  • ihnen Raum zu geben, ohne sich von ihnen bestimmen zu lassen

Viele dieser Prägungen stammen aus frühen Beziehungserfahrungen. Sie begleiten uns oft ein Leben lang, nicht als Defizit, sondern als Teil unserer Geschichte. Integration bedeutet daher nicht Auflösung, sondern Beziehungsfähigkeit.

Warum das unter Stress so schwerfällt

(neurophysiologische Betrachtung)

In belastenden oder als bedrohlich erlebten Situationen aktiviert sich unser autonomes Nervensystem. Dabei verändert sich die Zusammenarbeit verschiedener Hirnareale. Die Aktivität des präfrontalen Cortex (zuständig für Reflexion, Perspektivwechsel und Impulskontrolle) ist dann eingeschränkt.

Das erklärt, warum Selbstannahme, innere Differenzierung oder reflektiertes Handeln gerade in Stresssituationen schwer zugänglich sind. Gleichzeitig zeigen Forschung und Praxis: Sicherheit, Beziehung, Sprache und Co-Regulation können diese Fähigkeiten wieder stärken.

Resilienz bedeutet daher nicht, immer mehr auszuhalten, sondern früher zu erkennen, wann das eigene System in Aktivierung gerät – und schneller wieder in einen reflexiven, handlungsfähigen Zustand zurückzufinden.

Dosierung statt Druck

Nicht jeder innere Anteil möchte sofort gesehen werden.
Nicht jede Überzeugung lässt sich gleichzeitig integrieren.

Gerade bei traumaassoziierten Prägungen ist entscheidend, dass Annäherung freiwillig, dosiert und tempoangepasstgeschieht. Selbstannahme ist kein Ziel, das erreicht werden muss, sondern ein Prozess, der Sicherheit voraussetzt.

Eine kleine Übung zu selbstbegrenzenden Gedanken

(angelehnt an traumasensible Ansätze, u. a. Gabor Maté)

Vielleicht kennst du einen Gedanken wie:

  • Ich muss stark sein

  • Ich bin schuld wie andere sich fühlen

  • Ich bin nur etwas Wert wenn ich nützlich bin

  • Ich darf mich nicht ausruhen

Der erste Schritt besteht nicht darin, diesen Gedanken loszuwerden.
Der erste Schritt ist, ihn als das zu erkennen, was er ist:

Ein Gedanke, eine Überzeugung, nicht die Wahrheit:

  • Ich habe den Gedanken, dass ich stark sein muss.

  • Ich scheine zu glauben, dass ich für die Gefühle anderer verantwortlich bin.

  • Ich verhalte mich so, als ob ich nur dann wertvoll bin, wenn ich hilfreich bin.

  • Ich denke, dass Ruhe für mich nicht wirklich möglich ist.

Ihn zu unterdrücken oder zu bekämpfen verstärkt seine Wirkung ebenso, wie ihm ungeprüft zu folgen.
Ihn wahrzunehmen und innerlich einzuordnen schafft spielraum.

Vielleicht ist genau das ein erster Schritt hin zu mehr innerer Beweglichkeit.

Psychische Gesundheit zeigt sich nicht im Aushalten von immer mehr Stress, sondern in der Fähigkeit zur Selbstwahrnehmung und Regulation.

In meinem Coaching begleite ich Menschen dabei, innere Muster und selbstbegrenzende Überzeugungen bewusster einzuordnen und ihren Handlungsspielraum zu erweitern. Das Angebot stellt keine Psychotherapie dar, sondern eine professionelle, ressourcenorientierte Begleitung.

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