Trauma als Spektrum

Ein Spektrum entsteht, wenn Licht gebrochen wird und sich in seine Farben auffächert.
Was zuvor als Einheit erschien, zeigt plötzlich seine feinen Abstufungen, seine unterschiedlichen Wellenlängen, seine eigene Schwingung.

So verstehe ich auch uns Menschen.

Unsere Lebensgeschichte ist kein Entweder-oder. Sie ist ein lebendiges Farbfeld aus Erfahrungen, Prägungen und Empfindungen. Manche Töne leuchten klar und kräftig. Andere sind zart, gebrochen oder überlagert.

Überwältigende Erfahrungen hinterlassen Spuren.
Sie entstehen nicht nur durch das, was geschieht, durch offensichtliche Verletzungen oder einschneidende Ereignisse. Ebenso prägend kann sein, was fehlt: Nähe, Schutz, Resonanz, liebevoller Kontakt. Besonders in der Kindheit, und bereits in der pränatalen Phase, ist unser System zutiefst empfindsam. In dieser Zeit entstehen die Grundfarben unserer inneren Welt. Die wir auch im Erwachsenenalter mit uns tragen.

Aktuelle Forschungsergebnisse zeigen, dass ein großer Teil unserer Gesellschaft solche Erfahrungen gemacht haben.

Ein und dasselbe Ereignis trägt jedoch nicht in jedem Menschen dieselbe Farbe.
Während es sich im einen vielleicht in einem tiefen, dunklen Blau von Rückzug verdichtet, entwickelt es sich im anderen zu einem grellen Rot von Anspannung oder zu einem kaum wahrnehmbaren Grauton, der sich leise durch Beziehungen zieht. Das Ereignis mag ähnlich sein, doch die Färbung, die es im Inneren annimmt, ist individuell. Sie entsteht aus Temperament, Bindungserfahrungen, Ressourcen und Umgebung.

Trauma begreife ich deshalb als Spektrum.

Wie im Lichtspektrum gibt es sichtbare Bereiche, klar erkennbare, gesellschaftlich benannte Verletzungen. Und es gibt Bereiche jenseits dessen, was das Auge wahrnehmen kann: infrarote und ultraviolette Anteile. Für uns unsichtbar und dennoch existent.

So existieren auch jene Erfahrungen, die keinen eindeutigen Namen tragen: das beständige Zuwenig an Nähe, das Ausbleiben von Spiegelung, das Gefühl, nicht wirklich gemeint zu sein. Sie liegen außerhalb des Offensichtlichen und prägen doch unsere innere Farbe, unsere Spannung, unsere Beziehungsfähigkeit.

Der Name Spektrum steht für all diese Schattierungen.
Für sichtbare und unsichtbare Anteile.
Für die Anerkennung, dass jede Erfahrung eine eigene Farbentwicklung nimmt.
Und für die Möglichkeit, das, was einst überwältigend war, in das eigene Farbfeld zu integrieren.

Wo wir beginnen, unser persönliches Spektrum wahrzunehmen, entsteht Bewusstheit. Wenn
Aus unbewusster Wiederholung kann Wahlfreiheit werden.
Aus starren Mustern neue Nuancen.

Spektrum ist für mich ein Raum, in dem alle Farben existieren dürfen – auch jene, die lange unsichtbar waren.*

- Diese Metapher durfte ich für mich dank des Buches “Vom Mythos des Normalen” von Gabor Maté entdecken.

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